IPO oder ICO?

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Was für den Investmentbanker der IPO ist, ist für den Investmentbanker 4.0 der ICO. Nur ein Buchstabe macht den Unterschied aus: Nicht mehr ein Initial Public Offering (IPO) ist die hohe Kunst der Kapitalmarktakteure, sondern ein Initial Coin Offering (ICO) oder auch Initial Token Offering (ITO). Geht man der Sache auf den Grund, ist der Sinn eines ICOs in der Sache nichts anders als ein IPO. Unternehmen brauchen Kapital, das sie sich von Investoren besorgen, die an die Geschäftsidee glauben. Soweit die Gemeinsamkeit zwischen IPO und ICO. Der Rest hat so wenig miteinander zu tun, wie automobile Fahrten sich von autonomen und mobilen Diensten von A nach B unterscheiden.

 

Ein ICO ist eine bis dato noch unregulierte Methode über Crowd Funding im Internet einem Unternehmen Kapital zu besorgen, dass auf Kryptowährungen wie Etherium basiert. Man kauft für eine gewisse Summe an Etherium sogenannte Token eines neuen Unternehmens. Etherium hat den Vorteil, dass man an dieses «Geld» über eine Blockchain eine Art Vertrag anheften kann. Mit anderen Worten: Wenn man sich über Etherium an einem ICO beteiligt, kann man darüber nicht nur Eigentum kaufen (Equity Token), sondern auch noch Dienstleistungen des Unternehmens in Anspruch nehmen, falls das junge Unternehmen ans Laufen kommt (Utility Token).

 

Aus diesem Grund ist Etherium auch eine so beliebte ICO-Währung, weil sie eine sogenannte Smart Coin ist – sie ist mehr als nur digitales Geld. Man könnte also meinen, dass diese neue Form der Finanzierung nur mit neuem digitalen Geld vonstattengeht. Der heilige Kral wäre erreicht. Reich werden ohne echtes Geld. So weit, so gut, aber es gibt natürlich ein grosses Aber: Ganz zu Beginn des ICO-Prozesses muss der Kryptoinvestor einmal echtes Geld in die Hand nehmen, um beispielsweise Bitcoins, Etherium oder Ripple zu kaufen. Nur wer sich geschickt erstfinanziert und sogenanntes digitales Geld früh günstig gekauft hat, kann einigermassen beruhigt mit Coins in ICOs investieren.

 

Wer sich beispielsweise 2016 oder auch noch 2017 mit Etherium eingedeckt hat, hat alleine damit schon hohe Kursgewinne gegenüber Euro, Dollar oder Franken gemacht. Wer so auf der sicheren Seite ist, kann gut und gerne auch mal Kursverluste nach einem ICO hinnehmen. Wer spät eingestiegen ist, riskiert an mehreren Fronten echtes Geld. Das ist einmal der erste Punkt, auf den man hinweisen und zur Vorsicht raten sollte. Das Risiko ist ähnlich, als wenn man teuer Dollar kauft und in US-Aktien investiert. Geht beides  abwärts, hat man in Euro gerechnet ein doppeltes Risiko. Im Falle der Kryptowährungen kommt nur noch eine deutlich höhere Schwankung hinzu.

 

Das nächste Problem hat damit zu tun, ob es sich um Coins oder Token handelt. Das ist nicht nur ein semantischer Unterschied, den insbesondere Notenbanker machen: Coin hört sich sehr nach Münze und damit nach Geld an. Token ist geldpolitisch unproblematischer, weil ein Token eher ein Recht als Geld ist. Allerdings ist das mit dem Recht auch so eine Sache, weil auch eine Aktie oder Englisch Securities ein Recht ist. Wenn man Token als Securities definiert, dann fallen sie zwangsläufig unter den Securities and Exchange Act und so unter das Aktienrecht. Dann wäre es mit der unregulierten Zeit vorbei. Das dürfte mindestens bei den Equity Token über kurz oder lang der Fall sein.

 

Das muss man wissen, wenn man über ICOs als Alternative zu IPOs nachdenkt. Eine Alternative sind die ICOs vor allem für junge digitale Startups, die weder reif für die echte Börse sind noch zu Beginn ihrer Idee andere Investoren aus der Startup-Szene für Seed Money oder Venture Capital finden. Das ist überhaupt einer der interessantesten Punkte: Sehr kleine neue Ideen können digitales Geld für ihre Geschäftsidee einsammeln, ohne wenige Profi-Startup-Venture Capital-Investoren überzeugen zu müssen. 

 

ICOs sind aber in Summe eine begrüssenswerte Sache, aber sie sich nicht hoch- sondern höchstrisikoreich. Sie sind ein neues Ding, bei dem man genau wissen muss, was man tut. Als Hinweis: Das war im Übrigen auch schon bei der Subprime-Verbriefungen auch so. Kaufe nur, dass Du verstehst. Aktuelle sieht es allerdings manches Mal so aus, als gäbe es auch am Kryptomarkt den klassischen Lemminge-Effekt oder die Milchmädchen-Börse. Wenn diejenigen einsteigen, die in der Regel von einer Sache wenig oder nichts verstehen, dann sollte man die Finger davon lassen.

 

Jenseits aller dieser Vorsichtsaspekte, wollen wir uns aber noch anschauen, wer und was alles für den ICO-Prozess gebraucht wird:

  • Erstens, ein Unternehmen, das einen ICO machen will.Diese sehr jungen Unternehmen haben eine Idee, die man in ein Geschäftsmodell giessen muss. Sonst findet man keinen externen Investor – weder one noch many. Der Unterschied zum IPO ist allenfalls, dass das Geschäftsmodell noch nicht ganz so ausgreift sein muss, wie es an der richtigen Börse mit Prospekt etc. der Fall sein muss.
  • Zweitens, Investoren, die in ein Unternehmen investieren wollen.Diese sehr jungen Unternehmen sind in ihrer Startup-Phase vor allem auch für jüngere digital orientierte Kryptoinvestoren interessant. Darunter gibt es zum einen die, die schon länger und günstiger in Kryptowährungen investiert sind, und die, die erst neu und teurer eingestiegen sind. Klassische Investoren, die aus echten Währungen tauschen und direkt investieren, gibt es noch gar nicht.
  • Drittens, ein Broker, der Unternehmen und Investoren zusammenbringt.Das ist der eigentliche Punkt der Innovation. Wenn sich ICOs durchsetzen, braucht es keine oder nur noch wenige Brokerhäuser und Investmentbanken mehr. Wenn die den ICOs zugrunde liegende Blockchain-Technologie im klassischen, dann aber digitalen Zahlungsverkehr Einzug hält, wenn Anwälte und Prospekte direkt an den Token angehängt werden können, dann könnte ein neues Zeitalter anbrechen. Es wird dann spätestens zwar reguliert, aber eben auch digitalisiert sein.

Dann stellt sich die Frage ICO oder IPO nicht mehr, weil es keine IPOs mehr geben wird. So wie es auch keine alten Autos mehr geben wird, wenn die rechtliche Seite des autonomen Fahrens geklärt sein wird. Das wird noch dauern, aber der Weg ist das Ziel – und er ist beschritten. Nach Alt oder Bit über die Währungen und Stück für Stück über die Blockchain und diesem Beitrag ICO oder IPO wird sich der kommende Beitrag mit Markt für Markt beschäftigen. Welche neuen Märkte gibt es für digitales Geld?


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